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Covid-19 sorgt für Ohnmacht: Wieso ausgerechnet darin eine Chance liegt

Covid-19 sorgt für Ohnmacht: Wieso ausgerechnet darin eine Chance liegt

“Es kann etwas ganz Neues entstehen”: Corona-Krise sorgt für Ohnmacht: Wieso ausgerechnet darin eine Chance liegt

Donnerstag, 19.03.2020, 12:08

Die Corona-Pandemie zeigt vielen von uns die Grenzen ihrer Einflussmöglichkeiten auf. Neben den gesundheitlichen Risiken sind es vor allem auch die wirtschaftlichen Folgen, die den Bürgern in Deutschland Sorgen bereiten. Ob Ladenbesitzer oder Kellner: Viele Berufsgruppen stehen aufgrund der strikten Anti-Corona-Maßnahmen vor einer ungewissen Zukunft. Für den Coach und Mentaltrainer Ralf Bihlmaier liegt in dieser auf den ersten Blick dramatischen Situation aber auch eine große Chance.

FOCUS Online: Herr Bihlmaier, welche Auswirkungen hat es auf die Psyche eines Menschen, wenn er wie jetzt plötzlich vor großen existenziellen Problemen steht?

Ralf Bihlmaier: In so einer Situation scheiden sich sehr schnell die Geister. Denn: Es gibt die Fraktion, die in Angst verfällt und dann reflexartig probiert, dieses negative Gefühl zu vermeiden. Eine ganz normale Reaktion auf Angst. Es gibt aber ein ganz spannendes Phänomen, und zwar landen manche Menschen auch in einem Gefühl der Ohnmacht, zum Beispiel, weil sie ganz plötzlich ihren Job verloren haben oder ihren Beruf nicht mehr ausüben dürfen. Im ersten Moment glauben die Betroffenen auch, diese Ohnmacht wäre – wie die Angst – etwas Negatives, aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

“Es kann etwas ganz Neues entstehen”

FOCUS Online: Wieso sollte Ohnmacht als etwas Positives wahrgenommen werden?

Bihlmaier: In der Ohnmacht, das sagt ja schon das Wort, tragen wir keine Verantwortung mehr, denn wir sind dem, was uns widerfährt, tatsächlich ohnmächtig ausgeliefert. Ich spreche hier zum Beispiel von der Verantwortung für den eigenen Erfolg oder Misserfolg. Die Befreiung von dieser Verantwortung und von diesem Druck führt in ganz vielen Fällen dazu, dass die Menschen sich tatsächlich innerlich frei fühlen. Dadurch kann etwas völlig Neues entstehen, sei es bei einem Künstler durch eine ganz andere Form der Kreativität oder bei einem Unternehmer durch völlig neue Ideen. Ich spreche hier bewusst von Leuten, die ihren Arbeitsplatz auf einmal verloren haben oder noch verlieren könnten.

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Bei FOCUS Online sehen wir nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen. Wir verschweigen nicht, was schlecht läuft – aber wir zeigen auch, was dagegen getan wird und wie jeder Einzelne einen Beitrag leisten kann. Wir geben Menschen und Ideen Raum, die zur Bewältigung individueller und gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen. Um diese besonderen Geschichten zu erzählen, haben wir das K-Team gegründet. K für Konstruktiv. Alle Artikel des K-Teams finden Sie unter der Rubrik „Perspektiven“.

FOCUS Online: Viele Menschen sind durch die Corona-Krise aber tatsächlich in ihrer Existenz bedroht. Kann ein solcher Effekt dann überhaupt eintreten?

Bihlmaier: Ja, während der eine Panik und Angst fühlt, erfährt der andere im Zustand der Ohnmacht eine nicht erwartete Form der Befreiung und sieht seine Situation als Chance.

“Angst widerstandslos akzeptieren”

FOCUS Online: Wie gelingt es Menschen, die beispielsweise ihren Job verloren haben, die gegenwärtige Situation als Chance zu begreifen? Angst und Unsicherheit sind doch ganz natürliche Reaktionen.

Bihlmaier: Eine solche Reaktion ist immer unbewusst. Wir versuchen als Menschen grundsätzlich Ängste und negative Ereignisse zu vermeiden. Und wenn unser emotionales System keine Vermeidungsmöglichkeiten mehr entdeckt, dann gerät es in Panik. Für mich gibt es nur eine Möglichkeit, und zwar muss ich zunächst die Angst widerstandslos annehmen und dann akzeptieren, dass ich keinen Einfluss nehmen kann, also ohne Macht bin. Und erst dann kann ich den von mir beschriebenen Zustand der Ruhe erreichen.

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FOCUS Online: Panik ist aber mit eines der stärksten Gefühle, das einen Menschen überkommen kann. Wie kann man sich davon bewusst freimachen?

Bihlmaier: Der erste Instinkt in einer solchen Situation ist die Flucht, also weg von der Gefahr. Ich muss also gegen meinen Instinkt handeln und das geht nur durch einen bewussten Prozess, indem ich mich mit meiner Aufmerksamkeit dem Gefühl zuwende und meine Situation annehme. Denn die Ohnmacht, über die wir bereits gesprochen haben, setzt ja voraus, dass es keine Lösung für mein aktuelles Problem gibt. Erst wenn ich das akzeptiere, kann etwas Neues entstehen.

“Frei von Zwängen neuen Dingen zuwenden”

Solange meine Grundexistenz gesichert ist, werde ich am Status Quo festhalten. Ich versuche immer das Alte irgendwie aufrechtzuerhalten. Oft, und das erlebe ich in Gesprächen, ist die größte Blockade, dass an etwas festgehalten wird, was man verlieren könnte. Die Corona-Krise ist somit für Betroffene auch eine Chance, sich frei von Zwängen neuen Dingen zuzuwenden.

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Die Corona-Pandemie schränkt den Alltag der Menschen in Deutschland ein. Vor allem für gefährdete Gruppen wie Senioren sind auch alltägliche Aufgaben mit einem Ansteckungsrisiko verbunden. Daher ist nun Solidarität gefragt! FOCUS Online hat deshalb die Aktion “#CoronaCare: Deutschland hilft sich” gestartet. Machen Sie mit!

Weitere Infos gibt es hier.

FOCUS Online: Was ist mit Menschen, die nicht in ihrer Existenz bedroht sind, aber dennoch ein mulmiges Gefühl haben und deswegen zum Beispiel Hamsterkäufe tätigen. Wie können sich diese Menschen von ihren Ängsten befreien?

Bihlmeier: Der bewusste Prozess hierbei ist, dass sich die Leute erst einmal zugestehen müssen, dass sie Angst haben und vor allem feststellen, wovor? Wenn ihnen dieser Schritt gelingt, können sie auch rationaler einordnen, welche Gefahr realistisch ist und welche nicht.

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